Deutsche sorgen sich um die Energiesicherheit, sind aber auch für stärkere Handelssanktionen

Der Überfall der russischen Armee auf die Ukraine versetzt Deutschland und große Teile der Welt in Schockstarre. Gebannt blickt die Welt auf die tägliche Berichterstattung aus dem Krisengebiet. Gleichzeitig wird der Druck auf die deutsche Regierung immer stärker. Die Ukraine fordert von Europa und vor allem von Deutschland ein Embargo von russischem Öl und Gas sowie die Lieferung von Waffen, und zwar schnellstens.


„Es mutet seltsam an, wenn Deutschland durch die Nachbarländer als das Land beschrieben

wird, das bei den Umsetzungen stringenterer Maßnahmen gegen den Aggressor Russland

eher mit dem Fuß auf der Bremse steht. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, die Politik

sei der Meinung, man könne der Bevölkerung keine Einschränkungen oder Komfortverluste

zumuten – die Sicht der Bevölkerung ist aber ganz anders“, betontJohannes Hercher,

Vorstand der Rogator AG und Co-Autorder Studie OpinionTRAIN.


Die Ergebnisse der Studie im Überblick

Die Sorgen-Themen der Deutschen verändern sich: Auch in der aktuellen Untersuchung im März/April 2022 wurde in der Studie OpinionTRAIN die Frage gestellt, was die wichtigsten Probleme in Deutschland sind. Zugelassen waren maximal zwei Nennungen (gestützte Bewertung von 7 Themen). In der Vormessung (Aug./Sep. 2021) waren die Themen Corona (37 %), Klima(35 %) und soziale Ungleichheit (32 %) die beherrschenden Schlagworte. Aktuell fällt als Problembereich Corona im Ranking auf Nr. 3 zurück (27 %). Die Ukraine-Krise (Nr. 1) und soziale Ungleichheit (Nr. 2) sind gegenwärtig die Top-Themen (mit 40 % bzw. 37 % Nennungen). Besonders stark abgefallen ist die wahrgenommene Bedeutung der Klimapolitik (von 35 % auf jetzt 24 %), möglicherweise in Folge der Diskussion um die Aktivierung von Atomstrom und Kohlekraftwerken als Konsequenz der Ukraine-Krise. Verfügen die Befragten über eine leitende Position im Unternehmen, werden die Problembereiche Außenpolitik (36 %) und Wirtschaft (33 %) fast gleichbedeutend gesehen.



Klare Zustimmung zu verschärften Handelssanktionen gegen Russland: Persönliche Nachteile werden dafü in Kauf genommen

Von mehreren Statements, die die Befragten im Kontext der Ukraine-Krise beantworteten,

erreicht die Aussage „Ich mache mir Sorgen um die Energie-Versorgung in Deutschland“ die

größte Zustimmung (61 %). Die Befürchtung, durch den Krieg in der Ukraine könnten die

Energiekosten weiter in die Höhe getrieben werden, bedeutet aber nicht, dass die

Öffentlichkeit weiteren Handelssanktionen gegen Russland zögerlich oder ablehnend

gegenübersteht. Ganz im Gegenteil: 51 % der Deutschen sind dafür, die

Handelsbeziehungen zu Russland noch stärker einzuschränken, selbst wenn sie dadurch

persönliche Nachteile haben (Ablehnung 19 %). Ähnlich zum Durchschnitt verhält sich die

Zielgruppe der Entscheider im Unternehmen .Überdurchschnittlich groß ist die Zustimmung in

der Altersklasse 60+ Jahre (62 %) und in Westdeutschland (54 %). Eher zurückhaltend sind

jüngere Verbraucher (37% Zustimmung) und Befragte aus Ostdeutschland (42 %

Zustimmung).



Waffenlieferungen: Kontrovers diskutiert, aber 44 % sind klar dafür

Die in den ersten Kriegstagen intensivere Diskussion zur Wiedereinführung der Wehrpflicht in

Deutschland stößt in derBevölkerung auf wenig Begeisterung (38 % Zustimmung, 19 %

Ablehnung). Ähnliches gilt für die Möglichkeit der Entsendung von UN-Friedenstruppen in die

Ukraine (35 % Zustimmung, 26 % Ablehnung). Offensichtlich ordnen größere Teil in der

Bevölkerung den Vereinten Nationen keine wirkliche Bedeutung im Rahmen einer

Deeskalation zu.


Im Vergleich dazu ist die Befürwortung von Waffenlieferungen aus Deutschland in die

Ukraine größer (44 % Zustimmung, 23 % Ablehnung). Mittlerweile spaltet die Diskussion

dazu nicht nur die politischen Parteien, sondern sogar die Regierungskoalition. In der

Bevölkerung sind bei diesem Thema vor allem Alters-und Ost-West-Unterschiede erkennbar.

Die geringsten Zustimmungen zu Waffenlieferungen aus Deutschland werden in der

Altersgruppe unter 30 Jahre und bei Befragten aus Ostdeutschland gemessen (in beiden

Gruppen 34 %).


Schlechtes Urteil für das Krisenmanagement der Bundesregierung

Die Arbeit der Bundesregierung wird im Kontext der Ukraine-Krise eher kritisch beurteilt.

28% der Befragten ordnen diese als„gut“ ein (Ablehnung 26 %). Dies liegt möglichweise

daran, dass die Regierung sich in Sachen Krisenmanagement eher ungeschlossen zeigt.

Nicht anders ist die Lage, wenn die Studienteilnehmer die Arbeit der Politik bezogen auf die

Corona-Krise bewerten: 21% sind der Meinung, dass „die Politik uns alles in allem gut durch

die Corona-Krise bringt“ (Ablehnung 32 %).


Wenn große Teile der Bevölkerung erkennen, dass sich im Land eher ein Krisenmodus

verfestigt (historisch hohe Inflationsraten, Krieg in Europa, kein Ende der Corona-Krise), ist

vor allem politische Führunggefragt. Fehlt diese, ist ein Vertrauensverlust in Institutionen

(Bundesregierung, EZB etc.) die Konsequenz. Wenn Nicht-Entscheiden als die wahre

Führungsqualität tituliert wird,erhält dasHelmut Schmidt zugewieseneZitat„In der Krise

beweist sich der Charakter“eine neue Bedeutung.


„Die deutsche Bevölkerung zeichnet sich nicht nur durch eine große Hilfsbereitschaft

(Spenden, Aufnahme von Flüchtlingen in den Familien) aus, sondern auch durch eine

entsprechende Opferbereitschaft: Die meisten Menschen würden negative Konsequenzen

stärkerer Handelseinschränkungen mittragen, wenn es die Chancen zur Beendigung des

Kriegs verbessern könnte“, resümiert Prof. Dr. Andreas Krämer, CEO der exeo Strategic

Consulting AG und Co-Autorderaktuellen Studie OpinionTRAIN.


Kostenfreier Studienbericht:https://www.rogator.de/studienberichte-opiniontrain/


Hintergrund der Studie:

„OpinionTRAIN“ist eine repräsentativ angelegte Studie zur

Bewertung von Trends und des Wertewandelsi n der Bevölkerung (Kooperation von der

Rogator AG und der exeo Strategic Consulting AG). Grundlage der Untersuchung ist eine

Online-Befragung von Personen (18-80Jahre) in Deutschland, Österreich, der Schweiz und

Schweden. Im Aug./Sep.2021 wurde die dritte Erhebung durchgeführt, nachdem die erste

Erhebung (Apr./Mai 2020 )die Situation der Menschen zur Zeit des ersten Lockdowns

beleuchtete und die zweite Erhebung (Nov./Dez. 2020) den Fokus auf den 2. Lockdown

legte. Die aktuelle vierte Erhebung im Mrz./Apr. 2022 umfasst eine Befragung von n=1.357

Personen, die zu unterschiedlichen Lebensbereichen befragt werden (n=975Verbraucher,

n=382 Entscheider im Unternehmen)


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